Eine Frage der Be-Wertung

Eine Frage der Be-Wertung

Eine Frage der Be-Wertung. Letztes Jahr schrieb ich im Zuge einer meiner Schreibübungen einen Artikel zum Thema „Bewertung von Menschen“, der mir heute wieder in die Hände fiel und mich unsanft wachrüttelte. 

Beim Lesen des Artikels wurde mir nämlich klar, wie oft ich trotz meiner intensiven Übungen in Achtsamkeit, Bewusstsein und gewaltfreier Kommunikation in den Strudel der Emotionen hineingerate und anschließend in die sogenannte Be-Wertungs-Falle rutsche. Ich habe mich doch glatt dabei ertappt, dass ich manchmal zuerst nur das Negative wahrnehme, anstatt das Positive zu sehen. 

„Warum bewerten wir uns und andere Menschen nach dem was wir können und dem, was wir nicht können?“

Positiv wie auch negativ. Warum tun wir Menschen das? Und was ist eigentlich positiv bzw. negativ? Hat zu diesen beiden Begriffen nicht auch jeder andere Erfahrungen gemacht? Warum schaffen wir es so selten, uns sowie unsere Mitmenschen liebevoll anzunehmen, wie wir sind und uns bedingungslos und absichtslos zu lieben? Mit all unseren Stärken und mit allen Schwächen. 

Die Antwort auf diese Fragen lautet: Wir spiegeln uns und gehen damit mit unserer Mitwelt in Resonanz. Jeden Tag. Jede Sekunde. Jede Minute. Ständig. Es ist völlig egal, ob wir den Menschen gegenüberstehen, ob wir mit ihnen telefonieren oder „nur“ eine Unterhaltung per WhatsApp führen. Jedes Wort, jede Gestik, jede Mimik trifft auf unsere Spiegelneuronen im Gehirn und infolge dessen empfinden wir Mitgefühl, Schmerz, Freude oder Trauer mit unserer Mitwelt. Wir alle sind ein Teil davon und werden quasi mit den Gefühlen und Emotionen oder manchmal auch nur mit einem Gähnen angesteckt. 

„Man kann sich nicht nur gegenseitig mit Gähnen „anstecken“, sondern auch anderen Menschen Eigenschaften andichten, indem wir ihnen Probleme oder Schwächen zuschreiben, die uns selbst betreffen und uns mal mehr bzw. weniger bewusst sind.“

Diese sogenannten Projektionen treffen uns oft am stärksten, wenn sie bei den Menschen stattfinden, die wir am meisten lieben und denen gegenüber die Herzöffnung daher am Größten ist. Auch in meiner Beziehung hält mir mein Partner meine „unschönen Seiten“ vor Augen, indem er mir meine Schattenseiten spiegelt. Das, was mich an mir „stört“. In meinem Fall zum Beispiel, dass er in manchen Dingen schneller ist. Ich wäre auch in einigen Dingen gerne schneller. Gerade zeigt es sich in dem scheinbaren „nicht-Weiterkommen“ bei meinem eigenen Mut-Projekt. Ein Projekt, das sich seit fast einem Jahr wie ein klebriger Käse in die Länge zieht und bei dem ich unter anderem der Frage nachgehe: „Was steckt eigentlich für mich hinter dem Wort Mut? Wo benötige ich Mut oder anders ausgedrückt, wo darf ich noch viel mutiger werden?“

Die erste Erkenntnis nach einer anderen Betrachtungsweise lautet: Ich bin bei dem Mut-Projekt doch weitergekommen, als zuerst vermutet. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich noch nicht mutig genug für das Projekt war, da ich bislang nicht den Mut hatte, persönlichere Texte von mir zu veröffentlichen. Eine weitere Erkenntnis ist also, dass ich hinsichtlich meiner Texte und Bilder noch viel mutiger werden darf. Und vor allem auch in der Liebe. Ich darf Mut haben, mich komplett für die Liebe zu öffnen. Vielleicht sogar das allererste Mal überhaupt in meinem Leben. Ich darf lernen, meinen Partner zur Gänze liebevoll anzunehmen. So wie er ist. Mit all seinen Schwächen und seinen Schattenseiten, die Großteils gar nicht seine sind. Das darf man sich ruhig mal auf der Zunge zergehen lassen. Sondern viel mehr meine eigenen Schwächen und Schattenseiten. Aus einer anderen Perspektive betrachtet sind es nämlich Potentiale. Ergo: Ich darf lernen, zuerst MICH mutig liebevoll anzunehmen, so wie ich bin. Ohne mich ständig negativ zu bewerten und Vergleiche zu anderen Menschen zu ziehen. In jeglicher Hinsicht. Und vor allem: ohne mich ständig klein zu machen. Auf eine meiner Postkarten, es ist die mit dem Schaf, hatte ich einst geschrieben: 

„Wir alle wollen als Individuen wahrgenommen werden und doch traut sich kaum einer als Individuum zu leben.“

Ein Satz, den ich nun wieder schmunzelnd und mit neuem Blickwinkel lese. Mir wird einmal mehr klar, wie schwer es mir fällt, mich selbst als Individuum wahr- und liebevoll anzunehmen. Die Angst vor Ablehnung, die in fast allen von uns steckt, hält mich immer wieder davon ab, mutig MEINEN Weg zu gehen und zum Beispiel Texte wie diesen zu veröffentlichen. Obwohl ich mir sicher bin, dass sie euch ermutigen und vielleicht sogar auf eurem persönlichen Weg begleiten.

Und um genau diesen persönlichen, EIGENEN und INDIVIDUELLEN Weg geht es letzendes. 

Bei jedem von uns. Ich würde gerne schreiben, dass der Weg im Äußeren beginnt. Eine Veränderung der äußeren Umstände ist allerdings nur ein Teilbereich. Quasi eine nachfolgende Etappe. Der tatsächliche Beginn erfolgt in uns. In dem Moment, indem wir andere Blickwinkel in uns zulassen und Selbstverantwortung für das eigene Tun und Handeln übernehmen. Wir dürfen mutig die Herzöffnung zulassen, Ängste und Zweifel loslassen, uns und anderen vertrauen, aufhören, uns anzupassen und stattdessen authentisch agieren. Und wir dürfen uns sowie die Ereignisse um uns liebevoll annehmen anstatt sie gleich negativ zu be-werten, wenn’s mal scheinbar nicht so rund läuft. 

Fazit: Ganz ohne Be-Wertung geht’s letztlich nicht, da wir ohne eine adäquate Einschätzung von Situationen und Menschen nicht überleben könnten. Ich darf mich jedenfalls noch ausführlich darin üben, mutig zu sein, mein Herz zu öffnen und mich und meine Mitwelt nicht negativ, sondern positiv zu bewerten. 

Nachtrag aus meinem Erleben: Ich bemerkte beim Lesen des zu Beginn erwähnten alten Artikels und anschließendem Schreiben dieser Zeilen, wie schwer es manchmal fällt, loszulassen und aus der Wertung herauszugehen, die in dem Moment umso intensiver stattfand, als mir die Erkenntnis über meine Projektionen schonungslos „in die Augen sprang“ und daraufhin Gefühle hochkamen. In dem Moment war wenig liebevolles „Annehmen“ möglich. In mir hatte sich erneut eine negative Wertung aufgebaut, die dann dazu führte, dass ich wütend wurde. Wütend auf mich selbst und darüber, dass ich es nicht bereits früher erkannt hatte, welche Projektionen ich wieder getätigt hatte. Um es noch deutlicher zu veranschaulichen: Ich fühlte mich erneut als „Täter“. Primär, mir gegenüber. Mir wurde bewusst, dass ich trotz der zahlreichen Lehren und meiner intensiven Übungen in Achtsamkeit, Bewusstsein und gewaltfreier Kommunikation mir selbst noch „Gewalt“ antue, indem ich mein Innerstes bewerte. Und dann – wie oben im Text erwähnt – in Folge gelegentlich zuerst das Negative wahrnehme, anstatt in dem Moment das Positive zu sehen. Das zeigt sich manchmal erst, wenn die Gefühle abgeflaut sind und die Ratio wieder Einzug hält. 😉