DER TANZ IN DER STILLE

DER TANZ IN DER STILLE

Hier bin ich
Am Ende des Raumes bist du
Ich seh dich nicht
Du mich nicht 

Und dennoch spüre ich dich
Fast lautlos kommst du auf mich zu
Achtsam setzt du einen Schritt vor den anderen
Ein wenig, als würdest du über das Parkett schweben

Ich seh dich immer noch nicht
Du mich auch nicht
Und trotzdem spüre ich, dass du dich in die richtige Richtung bewegst
Weiter auf mich zu gehst

Du sagst kein Wort
Keinen einzigen Ton
Die Dunkelheit des Raumes vertieft die Stille
Sie ist angenehm

Du kommst mir immer näher
Langsam und bedächtig
Ich kann dich schon riechen
Dein Duft so wunderschön vertraut

Hier bin ich
Und hier bist du
Ich seh dich immer noch nicht
Und du mich nicht

Du streckst deine Hand aus
Nimmst meine sanft in die deine
Die Berührung ist ehrlich und bewusst
Nicht kokett oder fordernd

Ich gehe einen Schritt auf dich zu
Achtsam legst du deine andere Hand auf meinen Rücken
Ohne Worte bittest du mich um einen Tanz
Ich nicke zustimmend

Langsam beginnst du dich zu bewegen
Ich folge dir mit meinem Körper
Es ist immer noch still im Raum
Nur das leise Tippen unserer bloßen Füße durchbricht die Stille

Gemeinsam schweben wir durch den Raum
Ich lasse mich immer mehr fallen
Wir kommen uns näher
Ich lege meinen Kopf auf deine Schulter

Deine Hand streicht liebevoll die Haare aus meinem Gesicht
Ich spüre die Vertrautheit zwischen uns
Du lächelst mich an
Ich lächle zurück 

Die Zeit wird immer mehr zur Illusion
Das Jetzt hat all unsre Gedanken gelöscht
Nur du und ich
Achtsam schwebend durch den Raum

© Nina Hrusa, Wien,  19.03.2018